taschenbuch - 155 seiten (april 2006)
vandenhoeck & ruprecht, göttingen
isbn 3-525-46260-3
fachbuch
psychologie, therapie, begutachtung
Vermehrt wird auch von einer breiteren Öffentlichkeit das Phänomen Transsexualismus wahrgenommen, meist allerdings nur in seinen »schrillen« Varianten. Udo Rauchfleisch kommt aufgrund seiner jahrzehntelangen Beschäftigung mit Menschen, die sich dem Gegengeschlecht zugehörig fühlen, zu dem Schluss, dass Transsexualität keine psychische Krankheit ist, sondern das ganze Spektrum von psychischer Gesundheit bis Krankheit umfasst. Er verwendet deshalb den Begriff »Transidentität«.
Es werden die Fragen der Begutachtung und der therapeutischen Begleitung vor, während und nach der hormonellen und operativen Angleichung an das Gegengeschlecht diskutiert. Das Buch richtet sich an Fachleute der verschiedenen Disziplinen, die mit transidenten Menschen zu tun haben, aber auch an Transidente selbst und ihre Angehörigen.
1. Vorwort
2. Von der Krankheit Transsexualität zur nichtpathologischen Transidentität
3. Der Ablauf der Diagnostik und Behandlung
3.1. Diagnostik
3.2. Der Alltagstest
3.3. Die Hormonbehandlung
3.4. Die chirurgischen Maßnahmen zur Angleichung an das Gegengeschlecht
3.5. Nachbetreuung
4. Die Begutachtung Transidenter
4.1. Gutachten für die Kostenübernahme der chirurgischen Maßnahmen
4.2. Gutachten zur Vornamens- und Personenstandsänderung
5. Eigene Erfahrungen aus Begutachtungen und Behandlungen
5.1. Meine ersten Begegnungen mit Transidenten
5.2. Diagnostische Überlegungen
5.3. Die vorbereitende und den Prozess begleitende Psychotherapie
5.3.1. Klärung der psychischen und sozialen Situation
5.3.2. Planung und Begleitung im Coming-out-Prozess
5.3.3. Klärung der familiären Beziehungen
5.3.4. Auseinandersetzung mit der neuen Rolle und den Zukunftserwartungen
6. Mit welchen Fragen und Problemen sind transidente Menschen konfrontiert?
7. Welche Hilfe können die Professionellen transidenten Menschen bieten?
7.1. Angebote der Psychiatrie und der Klinischen Psychologie
7.2. Angebote der somatischen Fächer
7.3. Juristische Beratung
7.4. Weitere Beratungs- und Behandlungsangebote
8. Was können transidente Menschen selbst tun?
9. Free Gender: Ein autobiographisch gefärbter Essay von Jacqueline Born
10. Gendertheoretische Aspekte der Transidentität
Endlich mal ein Buch über Therapie und Begutachtung, welches bereits im Klappentext klar sagt, dass “Transsexualität keine psychische Krankheit ist, sondern das ganze Spektrum von psychischer Gesundheit bis Krankheit umfasst.” Oder anders herum: Transsexuelle sind vielfach eigentlich psychisch gesunde Menschen, die halt das “eine Problem” haben, aber es gibt auch Transsexuelle, die tatsächlich auch andere psychische Krankheiten haben, die zuerst angegangen werden müssen. Ein Zusammenhang zwischen Transsexualität und psychischen Krankheiten gibt es nicht. Dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch das gesamte Buch, und stellt damit eine kleine Revolution in der bisherigen Fachliteratur dar: Bislang wurde Transsexualität eher als etwas Pathologisches angesehen, die Transsexuellen daher fast durchgehend mit “Patienten” betitelt. Bei Udo Rauchfleisch wird von “Klienten” gesprochen; die Therapie hat zum Ziel, während der - auch für psychisch gesunde Menschen - schwierigen Zeit des Rollenwechsels eine Unterstützung zu bieten.
Das eigentlich für Fachleute geschriebene Buch, kann ganz gut auch von Laien gelesen werden, da weitgehend auf Fachbegriffe verzichtet wird. Es wird nicht um den heißen Brei herumgeredet - der Autor stellt seine Thesen klar und deutlich dar, begründet diese aber auch nachvollziehbar.
Zum Autor: Prof. Udo Rauchfleisch ist niedergelassener Psychoanalaytiker und lehrt Klinische Psychologie an der Uni Basel. Er kennt aus seiner beruflichen Praxis seit Jahren Transsexuelle.
Mein persönliches Fazit: Auch wenn ich schon etliche andere Bücher zum Thema gelesen habe - zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass der Autor tatsächlich sich als Gesprächspartner von Transsexuellen sieht, nicht als Bevormunder, Wegtherapierer oder “ich weiß es besser”-Mensch. Ganz besonders gefreut hat mich das - kurze - Kapitel über die Rolle von Selbsthilfegruppen: Es bestätigt, dass die Arbeit von SHGs tatsächlich ein wichtiger - zeitweise der wichtigste - Faktor während des Rollenwechsels ist, und dass daher der regelmäßigeBesuch einer SHG zum Rollenwechsel dazugehören sollte. Insgesamt wurden viele Punkte angesprochen, die ich zum Teil sogar sofort in meine Vereinsarbeit integrieren konnte. Lesenswert!!!
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letzte änderung: 22.01.2007