(1993)
enke verlag, stuttgart.
isbn 3-432-25921-2
fachbuch
psychotherapie, psychologie
1 Einleitung
1.1 Definition des Transsexualismus
1.1.1 DSM-III
1.1.2 DSM-III-R
1.1.3 ICD-10
1.1.4 Reformvorschlag für DSM-IV
1.2 Historische Voraussetzungen
1.2.1 Von klinischen Einzelbeobachtungen zur Diagnose Transsexualität
1.2.2 Zur Entwicklung in Deutschland
1.2.3 Juristische Aspekte
1.2.4 Epidemiologische Daten
1.2.5 Zur Behandlungssituation an der Psychiatrischen Klinik des Universitäts-Krankenhauses Eppendorf
1.2.6 Klinische Stichprobe
1.2.7 Zur Terminologie
2 Zur Phänomenologie
2.1 Fragestellung
2.2 Stichproben
2.3 Methoden
2.4 Ergebnisse
2.4.1 Geschlechtsrollenstereotype
2.4.2 Psychoneurotizismen
2.4.2.1 Teilstichprobe MF-TS/Frauen
2.4.2.2 Teilstichprobe FM-TS/Männer
2.4.2.3 Vergleich MF-TS/Frauen mit FM-TS/Männern
2.4.3 Merkmalsausprägungen vor und nach der Behandlung
2.5 Diskussion
2.5.1 Zur Validität der Ergebnisse
2.5.2 Konträre Geschlechtsidentität
2.5.3 Unspezifische Psychoneurotizismen
2.5.4 "Normalisierung" nach Behandlungsabschluß
2.5.5 Zusammenfassung
3 Zur Ätiologie
3.1 Fragestellung
3.2 Stichproben und Methoden
3.3 Ergebnisse
3.4 Diskussion
4 Zur transsexuellen Abwehr
4.1 Begegnungen im Vorfeld
4.2 Zur analytischen und sexualwissenschaftlichen Diskussion
4.3 Klinisches Beispiel
4.4 Abschließende Bemerkungen
5 Zur Wirksamkeit therapeutischer Verfahren
5.1 Fragestellung
5.2 Stichproben
5.3 Methoden
5.4 Ergebnisse
5.5 Diskussion
6 Zusammenfassung und Schlußfolgerungen
7 Literatur
Pfäfflin beginnt mit einer allgemeinen Einführung, die vor allem für behandelnde Ärzte interessant sein dürfte, weil sie sowohl ausführlich informiert als auch aktuellere Veränderungen, Tatsachen und Erkenntnisse berücksichtigt, die im Eicher noch nicht enthalten sind. Für Anfänger mit dem Thema Transsexualität ist sie wahrscheinlich nicht ausführlich genug, aber als Ergänzung zum Eicher gut geeignet.
Die jüngere Geschichte des Transsexualismus behandelt er sehr ausführlich, vor allem was die Einstellung der Wissenschaftler über die korrekte Therapie der Transsexualität angeht - zuerst "weltweit" nach den Darstellungen der Literatur, dann im besonderen zur Entwicklung in Deutschland und wiederum zur Behandlungssituation an der Psychiatrischen Klinik des Universitäts-Krankenhauses Eppendorf in Hamburg - eines der führenden Institute in sachen TS -, wo er selbst überwiegend tätig war und immerhin über 600 Patienten mit transsexueller Symptomatik behandelt. Er beschreibt auch kurz den Werdegang, wie er selbst zu der Behandlung Transsexueller gekommen ist.
Weiterhin geht er auf epidemiologische Daten ein, d.h. wieviele TS es überhaupt gibt, ob es eine Zunahme gibt und wie das Geschlechterverhältnis ist. Nach neuesten Zahlen haben in der Zeit von 1981 bis 1990 in den alten Bundesländern insgesamt 1199 einen Antrag nach §1 TSG und 733 einen nach §8 TSG gestellt, woraus sich eine Zehnjahresprävalenz von 2,1 TS pro 100000 volljähriger Einwohner ergibt (für die alten Bundesländer). Das Geschlechterverhältnis von MzF- / FzM-TS lag bei 2,3:1. In anderen Ländern gab es andere Ergebnisse (die vielleicht auch mit der rechtlichen Situation und den chirurgischen Möglichkeiten in dem betreffenden Land zusammenhängen. Immerhin gibt es ja auch noch eine hohe Dunkelziffer.)
Im folgenden beschreibt Pfäfflin einige psychologische Tests, die mit Transsexuellen gemacht worden sind (vor allem von ihm selbst). Was sollte mit diesen Tests festgestellt werden?
Pfäfflin geht es vor allem darum, klarzustellen, daß Transsexuelle nicht einfach in ein Schema XY einzuordnen sind, das frühere Forscher nach den Eindrücken mit ihren Patienten aufstellten und veröffentlichten - und das spätere Wissenschaftler überwiegend vorbehaltlos übernahmen. Man denke nur an gewisse Gutachter, die den Klienten mit dem Musterlebenslauf am wohlgesonnensten sind und den im Geburtsgeschlecht verheirateten oder homosexuellen TS Schwierigkeiten machen.
Die Fragestellung der Tests läßt sich mit den folgenden Aussagen oder Fragen zusammenfassen:
Es folgt eine gründliche Auswertung der Tests mit tabellarischen und grafischen Darstellungen sowie eine ausführliche Beschreibung und Diskussion der Ergebnisse.
Manche dieser Ergebnisse würde nicht jeder erwarten. Zum Beispiel kann man weder sagen, daß sich die TS in jeder Hinsicht wie Vertreter ihres Wunschgeschlechtes verhalten, noch wie Vertreter ihres Geburtsgeschlechtes. (Die Tests wurden zum Vergleich auch mit Nicht-Transsexuellen durchgeführt.)
Interessant ist auch der Vergleich der MzF-TS mit den FzM-TS und die Veränderungen zwischen den Zeitpunkten vor und nach der geschlechtsangleichenden Behandlung. Es läßt sich eine allgemeine Tendenz der TS beobachten, nach der Geschlechtsangleichung eher Merkmale des Ausgangsgeschlechtes bei sich zu akzeptieren und in die Persönlichkeit zu integrieren. Aber eigentlich ist dieses Phänomen gar nicht verwunderlich. Ähnliches läßt sich bei gar nicht so wenigen "normalen" Menschen beobachten. Ein Beispiel: Der langhaarige Jüngling aus dem Nachbarhaus, der weder homo- noch transsexuell ist. Er trägt eine Frisur, die in unserem Jahrhundert - mit Ausnahme kurzzeitigen Modetrends - als weiblich eingestuft wird - nicht zuletzt, weil sie schon von weitem als solche erkannt wird sowie männliche Merkmale (z.B. abstehende Ohren) verbirgt und stattdessen einen eher weiblichen, weichen Gesamteindruck vermittelt. Weiterhin fällt auf, daß der Jüngling irgendein anderes, typisch männliches Merkmal besitzt. Z.B. ist er auffallend groß, hat einen typisch männlichen Körperbau, markante Gesichtszüge oder trägt einen Bart. Würde er auch lange Haare tragen, wenn er keines dieser ausgleichenden Merkmale hätte? Wohl kaum. Denn dazu gehört eine gehörige Portion Selbstbewußtsein. Man würde ihn ja dann für ein Mädchen halten.
Ein weiteres Thema, mit dem sich Pfäfflin befaßt, ist die Ätiologie, also die Ursache(n) (der Transsexualität). Bisher sind ja alle Ursachen-Theorien durch Gegenbeweise widerlegt worden. Als Beispiel beschreibt er die Forschungen zum H-Y-Antigen, die fast Auswirkungen auf die Behandlung Transsexueller gehabt hätten, deren Ergebnisse aber entkräftet wurden, weil sich herausstellte, daß die Untersuchungsmethoden technisch unzuverlässig waren.
Die vermuteten Ursachen sind nicht ganz von der Hand zu weisen, können aber nicht die einzige Erklärung sein. Als die beiden wichtigsten der traditionellen Erklärungsmodelle nennt Pfäfflin a) psychosoziale Störungen in den ersten Lebensjahren (z.B. eine schwergestörte Mutter-Kind-Interaktion) und b) eine Hervorbringung (oder zumindest deutliche Vermehrung) des Phänomens Transsexualismus durch Ermöglichung und Verbesserung der rechtlichen Möglichkeiten und chirurgischen Behandlungsmethoden. Früher mußten Menschen mit trans-sexuellen Neigungen ihre Wünsche frühzeitig unterdrücken, um das beste aus ihrem Leben zu machen, heute lesen sie in der Zeitung, was alles möglich ist und stellen fest: "Das wäre eine Lösung für meine Probleme!"
Pfäfflin vermutet, daß es für die Transsexualität keine einzelne Ursache, sondern einen Ursachenkomplex oder eine Ursachenkette gibt, da sich das Phänomen und der Verlauf bei den verschiedenen Betroffenen viel zu unterschiedlich darstellt. In früher Jugend wird - durch welche Ursache auch immer - eine gewisse Bereitschaft zur Transsexualität aufgebaut, die durch zusätzliche Störeinflüsse im weiteren Leben verfestigt wird.
Das nächste große Thema ist die "transsexuelle Abwehr". Aus diesen Worten kann man verschiedene Bedeutungen lesen. Pfäfflin hat sie bewußt so gewählt und geht auf alle Bedeutungen ein.
Einerseits ist das die Abwehr des TS z.B. gegen eine psychotherapeutische Behandlung oder den Behandler als solchen. Eine Abwehr, die nicht selten aus der Situation entsteht, daß sich der TS zu der Behandlung gezwungen fühlt und versucht, sich dagegen zu wehren.
Andererseits existiert aber auch eine Abwehr des Therapeuten gegen den Transsexuellen. TS sind nun mal schwierige Patienten. Sie stellen nicht nur althergebrachte Psycho-Theorien, sondern auch mit ihrer Infragestellung der Geschlechterdefinition die Geschlechtsidentität des Behandlers in Frage. Außerdem begeben sie sich im allgemeinen nur unfreiwillig und lustlos in Behandlung (s.o.). Diese Tatsachen erschweren es, das für eine Behandlung notwendige vertrauensvolle Arbeitsklima zwischen Therapeut und Patient herzustellen. Pfäfflin erzählt dazu ein ausführliche Beispiel: die langjährige Konfrontation mit einer besonders schwierigen, aggressiven MzF-TS, die er zur Behandlung überwiesen bekam.
Das abschließende Thema ist die Wirksamkeit therapeutischer Verfahren, wobei Pfäfflin vor allem auf Fremdberichte zurückgreift. Danach ergaben sich 7 "Wirkfaktoren", die mehr oder weniger dazu beitrugen, daß sich die Betroffenen besser fühlten: 1) kontinuierlicher Kontakt mit einem Forschungsprogramm / einer Behandlungseinrichtung, 2) Leben in der anderen Geschlechtsrolle (Alltagstest), 3) hormonelle Behandlung, 4) Beratung, psychiatrische und/oder psychotherapeutische Behandlung, 5) chirurgische Eingriffe sowie 6) deren Qualität und 7) die juristische Anerkennung des Geschlechtswechsels durch Namens- und Personenstandsänderung.
Zum Schluß faßt Pfäfflin noch einmal das Wichtigste aus sämtlichen Kapiteln zusammen.
Zu dem Buch als Ganzen läßt sich sagen:
Es ist exakt, gründlich recherchiert (bzw. auf eigene Erkenntnisse zurückgreifend) und immer wieder gegen falsche Vorurteile ankämpfend (die sich ja schnell durch veraltete Veröffentlichungen, Gerüchte oder festgefahrene Meinungen ergeben können). Das gute an Pfäfflin ist, daß er seine transsexuellen Patienten nicht einfach nur prüfen und dann entsprechend behandeln will, sondern ganz allgemein helfen und die noch ungenügenden Zustände verbessern will. Zu diesem Zweck scheut er auch nicht, sich gelegentlich quasi auf die Seite der TS zu stellen und die eigenen Kollegen bzw. deren Veröffentlichungen (oder auch sich selbst) mit deutlichen Worten zu kritisieren.
Wie man unschwer am Titel erkennen kann, ist es ein medizinisch-psychologisches Fachbuch. Auch im Text werden viele psychologische Fachbegriffe verwendet, die eine gewisse Vorbildung oder emsiges Nachschlagen verlangen. Für einen Durchschnitts-TS, der hauptsächlich das nächste Etappenziel seines Weges im Auge hat (und im Zweifelsfall mit wissenschaftlichen Texten sowieso nicht viel am Hut hat), ist es eher ungeeignet, denn brauchbare praktische Informationen enthält es kaum. Interessanter dürfte es für TS sein, die schon ein bißchen offener sind, die über sich selbst, ihre Rolle und über mögliche Ursachen ihrer Transsexualität nachdenken und sich für die wissenschaftlichen Hintergründe der TS-Forschung interessieren.
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letzte änderung: 22.01.2007