gebundene
ausgabe - 157 seiten (2008)
uni-med-verlag, bremen;
isbn 3895999277
sachbuch
intersexualität, behandlungsleitfaden
Intersexualität, also die genitale Uneindeutigkeit oder Mehrdeutigkeit, ist keine medizinische Diagnose per se, sondern eine zusammenfassende Bezeichnung für sehr unterschiedliche klinische Phänomene mit vielfältigen biologischen Ursachen.
In dem vorliegenden Buch werden die mit der Intersexualität im Kindesalter einhergehenden Fragen und Probleme von kompetenten Vertretern verschiedener Fachdisziplinen dargestellt. Verschiedene Beiträge zur Anatomie, zur Geschlechtsidentität, zu psychologischen , rechtlichen, ethnologischen sowie diagnostischen und chirurgischen Schwerpunkten versuchen eine Antwort auf die mit der Intersexualität im Kindesalter einhergehenden Fragen zu geben. Darüberhinaus berichten Betroffene über ihre sehr unterschiedlichen persönlichen Erfahrungen.
Das Buch stellt hohe Ansprüche an den unerfahrenden Laien, das sei mal klar gesagt. Hauptsächlich wurden die Artikel von Fachleuten für Fachleute geschrieben, vornehmlich Mediziner. Es ist nur so gespickt mit medizinischen Fachbegriffen und biochemischen Erläuterungen. So mancher ist da sicherlich überfordert.
Dennoch: endlich mal ein medizinisch geprägtes Buch, welches sich ausführlich mit den verschiedenen Ursachen von Intersexualität auseinander setzt, und welches dennoch erschwinglich oder der breiten Leserschaft überhaupt zugänglich ist.
Der Klappentext verheißt jedoch mehr als drin ist. Die medizinische Seite ist deutlich zu übermächtig. Wirklich kritische Betrachtungen fehlen. Beim Lesen kommt man sich sehr bald so vor, dass hier über den Kopf der betroffenen Kinder und Eltern hinweg, das einzige Ziel "eindeutig machen, um jeden Preis, so schnell als möglich" angestrebt wird. Dass viele der beschriebenen und durchaus möglichen medizinischen Maßnahmen, besonders die Operationen an den Genitalien, manchmal gar nicht nötig sind, eventuell weder von den Betroffenen noch von den Eltern gewünscht sind, oder letzten Endes, nach Entwicklung der Persönlichkeit,genau das Gegenteil zur Folge hatten - darauf wird nicht hingewiesen.
Mir graut es vor den Folgen: Die Götter in Weiß werden weiterhin verschreckte Eltern falsch und unsensibel beraten, Kinder werden in einem Alter genitalverstümmelt und kastriert, in dem sie nicht einmal sprechen können, geschweige denn widersprechen. Den Eltern wird weiterhin vorgegaukelt werden, dass bei früh genug erfolgter Operation (im Alter von ca. 6 Monaten) das Kind keine Erinnerung und keine Schäden davon tragen wird, und "normal" aufwachsen wird. Das kann ich nicht glauben. Es ist mittlerweile durch amerikanische Studien nachgewiesen, dass allein durch die Schmerzen der Beschneidung an Jungen im Alter von 1 Woche bereitsVerhaltensänderungen festzustellen sind - welche Folgen wird dann erst ein (oder mehrere) wesentlich tieferer Eingriff mit längerem Klinikaufenthalt haben? Zudem: Narbengewebe wächst nicht in gleichem Maße wie unverletztes Gewebe, hat nicht die gleiche Sensibilität und Elastizität - weitere traumatisierende Behandlungen in der Kindheit, Jugend und im Erwachsenenalter dürften sicher sein.Da frage ich mich schon, ob es nicht gesunder und stressfreier für alle wäre, doch bis ins Jugendalter zu warten...
Klar, es gibt sicher Formen der Intersexualität, die müssen so bald als möglich medizinisch behandelt werden. Sei es, weil Wasserlassen nicht möglich ist, oder Salzverlust innerhalb der ersten Lebenstage bereits zu einer lebensbedrohlichen Lage führt. Eine Hypospadie, Vorliegen von weiblichen und männlichen Genitalanlagen nebeneinander oder schlichtweg eine zu große Klitoris sind definitiv kein Grund. Das wird aber nicht gesagt, und das ist mein großer Kritikpunkt.
So medizinisch
ausführlich das Buch ist, so sehr erschreckt es mich auch, zeigt es
doch, dass selbst die führenden Mediziner in Deutschland noch nicht
wirklich nachgedacht haben, was sie da eigentlich an Kindern
verbrechen.
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letzte änderung:09.04.2010